Die Loge „Zum Verein der Menschenfreunde“

1805 – 2005

 

Eine geschichtliche Betrachtung

 

Zunächst wollen wir uns einer kleinen Rechenaufgabe unterziehen, um das Gründungsdatum der Loge, das in der Stiftungsurkunde mit dem 18. Tag des 1. Monats des l´an de la vraie lumière 5805 angegeben ist, in die profane Zeitrechnung zu übertragen.

 

Zum Verständnis der maurerischen Zeitrechnung sei deshalb folgendes vorausgeschickt:

Die französischen und niederländischen Logen rechneten im 18. und 19. Jahrhundert seit Er­schaffung der Welt – das war nach biblischem Glauben 4000 Jahre vor Christi Geburt – und nannten das Jahr „L´an de la vraie lumière“. Dabei setzten sie den Beginn des Maurer­jahres auf den 1. März.

 

Somit ist der Monat März der erste Monat, der Monat Januar des folgenden Jahres der 11. Monat des selben Maurerjahres.

 

Wenn es nun in den Protokollen heißt, die Trierer Loge sei am 18. Tage des 1. Monats im Jahre des wahren Lichts 5805 konstituiert, so entspricht dies dem 18. März 1805 bürgerlicher Zeitrechnung.

 

Dies vorausgeschickt, wollen wir uns nun aber der Geschichte unserer geliebten Bauhütte zuwenden.

 

Würde man in Trier einen Taxifahrer nach der Freimaurerloge fragen, so dürfte man wohl kaum mit einer Auskunft rechnen. Die Freimaurerei spielt im Bewusstsein der Trierer Bürger keine Rolle, und seit dem Verbot durch die nationalsozialistische Reichsregierung, das zur Liquidation des Logenhauses im ehemaligen St. Anna Kloster am Pferdemarkt führte, besit­zen die Freimaurer des Trierer Raumes kein eigenes Haus mehr.

 

So musste auch der Landrat des Kreises Trier-Saarburg bei einer Feierstunde aus Anlass des 170. Stiftungsfestes im Sommer 1975 bekennen, er habe bis dahin noch nie etwas von einer Trierer Loge gehört.

 

Aus diesen Sachverhalten zu schließen, Trier habe keine freimaurerische Tradition, und die Freimaurerei sei für die Geschichte der ältesten Stadt Deutschlands ohne Bedeutung, wäre jedoch übereilt.

 

In Trier haben sich die Freimaurer allerdings immer streng an den Grundsatz gehalten, wo­nach die Loge – als Institution – niemals in Angelegenheiten des Gemeinwesens eingreift. Einzelne Freimaurer hingegen wirkten – wie wir sehen werden – bis in die Gegenwart in her­vorgehobenen Positionen zum Wohle der Stadt.

 

Die große Zurückhaltung der Trierer Brüder gegenüber der Öffentlichkeit mag teilweise auch in der Problematik Katholische Kirche und Freimaurerei begründet sein. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die im Rheinland geprägt war von der Auseinanderset­zung des politischen Katholizismus mit dem Preußischen Staat und dem Liberalismus, galt den Katholiken die Loge als Hort dieser beiden Feindbilder.

 

Erste Kunde von freimaurerischer Aktivität in Trier erhalten wir durch ein Schreiben des Kur­fürsten und Bischofs Franz Georg von Schönborn an den Prokanzler der Trierer Universität Nalbach vom 29. April 1746. Darin heißt es: „Eine betrübte Begebenheit, wie Ihnen nur zu­viel bekannt seyn wird, ist bey der Universitaet zu Trier entstanden, da sich eine sehr ver­dächtige Convention von etwelchen Juristen hervorgetan, so in einem sicheren Hauß der so­genannten Ursel ein besonderes Zimmer gemiethet, solches mit Cattons verdunkelet, her­nechst auch einige Ringe mit den Buchstaben C.F.S. Constantia, Fides, Silentium bemerken lassen, in gleicher Gestalten einige Bildnisse, auf etwas Mysterioses ausdeutige, mahlen las­sen – mithin die Conventicula deren Frey Maurer anzufangen sich haben bevorstehen lassen.“

 

Am 25. April 1762 sieht sich dann Johann Philipp von Walderdorf  zu dem Edikt gedrängt, in dem erstmalig die päpstlichen Bullen gegen die Freimaurerei von 1738 und 1751 im Kurfürs­tentum Trier veröffentlicht worden sind, und in dem der Kurfürst ausführt, er habe „nicht ohne größten Verdruß und Mißfallen  in Erfahrung gebracht, welcher Gestalten die so ge­nannte Frey-Maurer-Gesellschaft in dero Erz-Stift sich habe ausbreiten wollen......“ Pikanter­weise war damals sein Bruder  Philipp Franz  als Freimaurer und späterer Illuminat Mitglied des Trierer Domkapitels.

 

Anfang der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts fasste dann auch der Illuminatenorden im Trierer Raum Fuß. Dieser Orden war 1776 von dem Ingolstädter Universitätsprofessor Adam Weißhaupt gegründet worden und richtete sich vorwiegend gegen die Jesuiten. Weißhaupt sah in den Freimaurerlogen die Pflanzstätten für seinen Orden, dem in Trier (Ordenprovinz Pamphi­lia) der schon erwähnte Domherr Philipp Franz Graf von Walderdorf, Johann Philipp Franz Graf von Kesselstadt und Johann Friedrich Hugo Freiherr von Dalberg trotz der päpstlichen Verdikte und des landesherrlichen Verbots angehörten. Letzterer war auch Mitglied der Wormser Loge „Johannes zur brüderlichen Liebe“. Sein Bruder Wolfgang Heribert von Dal­berg – ebenfalls Freimaurer – brachte als Mannheimer Theaterdirektor Schillers Räuber auf die Bühne.

 

Bis zum Jahre 1803 wird es dann still um die Trierer Freimaurerei. Die Französische Revolu­tion und die napoleonischen Kriege banden die Energien anderwärts.

 

Guido Groß (Freimaurerei und Loge in Trier, 1967) vermutet, dass nach dem kurfürstlichen Verbot die freimaurerischen Kreise in die 1783 gegründete Lesegesellschaft übergingen.

 

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es dann zu einer regelrechten Logengründung. Unter der Führung des Richters am Appellationsgericht, Louis Pierre de St. Martin (Altstuhlmeister der Loge „La Passion“ i. O. Paris) schlossen sich am 9. Januar 1805  unter dem Namen „La Réunion des Amis de l´Humanité“ 19 Brüder zusammen und erhielten am 9. März 1805 vom Grand Orient de France die Konstitution.

 

1817 unterstellte sich die Loge – Trier gehörte inzwischen als Folge des Wiener Kongresses zur Preußischen Rheinprovinz – der altpreußischen Großloge Royal York und nannte sich von da ab „Zum Verein der Menschenfreunde“. In ihr haben in der Folge bedeutende Bürger der Stadt gewirkt. Ein Gang durch Trier lässt die Erinnerung an diese Brüder an Hand der Stra­ßen- und Gebäudenamen wieder aufleben.

 

Es seien hier nur einige genannt:

 

Wilhelm von Haw, 1818 – 1839 Oberbürgermeister von Trier und Landrat des Kreises, Prä­fekt der Marianischen Bürgersodalität – einer katholischen Laienorganisation.

 

Georg Bärsch, ehem. Adjudant des Freiheitskämpfers Ferdinand von Schill, 1835-1848 Re­gierungsrat (entspricht dem heutigen Regierungspräsidenten) in Trier und danach vermutlich wegen seiner Verbindung zu 48er Revolutionären als Landrat strafversetzt nach Preußisch Cayenne- wie Prüm unter Beamten noch genannt wurde, als ich 1961 dort meine erste Amts­stelle antrat.

 

Recking, Hotelier und Stadtrat,

 

Mehrere Mitglieder der Familie von Nell (Volkspark Nells Ländchen).

 

Nach den Brüdern Hermes, Gall und Reverchon sind in Trier ebenfalls Straßen benannt.

 

Bei diesen Männern handelte es sich durchweg um Vertreter eines aufgeklärten, liberalen Bürgertums.

 

Das liberale Pressewesen in Trier wurde maßgebend geprägt von dem Druckereibesitzer Son­nenburg, der 1863 die 1854 von Schönberger gegründete „Trierische Volks-Zeitung“ (der heutige „Trierische Volksfreund“) übernahm. Die Devise dieses Freimaurers lautete: „Ver­wirklichung des nationalen und liberalen Programms in Staat, Kirche, Schule und Gesell­schaft“.

 

Die Matrikel der Trierer Loge weist aber auch Namen von Persönlichkeiten auf, die über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt sind.

 

So wird 1818 der damals als preußischer Hauptmann in Trier stationierte Friedrich Paul Wilhelm, Prinz von Württemberg dort in die Loge aufgenommen. Dieser, 1797 als Sohn des Her­zogs Eugen von Württemberg geborene Offizier trat 1822 eine Reise nach Nordamerika an, wo er die Flussgebiete des Missisippi und des Missouri erforschte. Die Ergebnisse dieser Reise gab er in der Schrift „Erste Reise nach dem nördlichen Amerika“, Stuttgart 1835, her­aus. 1839/40 beteiligte er sich an einer Expedition des Vizekönigs von Ägypten Mehmed Ali zur Erforschung des Oberen Nils.

 

Es seien hier auch noch erwähnt der Generalquartiermeister, General-Oberst Ludwig von Falkenhausen, die Generäle von Podbielski, von Brudrizki und Trenk.

 

Die damals sehr bekannten Juristen Heintzmann und von Holleben, letzterer Präsident des Oberlandesgerichts in Königsberg und Kanzler des Königreichs Preußen, waren ebenfalls Mitglieder der Trierer Loge.

 

Das Logenleben war immer geprägt von Brüderlichkeit und Toleranz. Dies zeigt sich auch darin, wie die Trierer Loge sich in der so genannten Judenfrage verhielt. Während die Groß­loge Royal York, zu der die Loge seit 1817 gehörte, erst 1854 den Besuch jüdischer Brüder und dann 1872 deren Aufnahme gestattete, finden wir im Protokoll vom 19. Juli 1845 bereits einen Beschluss über die „Zulassung von Suchenden jüdischen Bekenntnisses“, und so konnte Br. Frère in der Festschrift zum 100jährigen Bestehen unserer Bauhütte auf den Umstand hinweisen, dass sich „verschiedene Brr. Israelitischen Bekenntnisses als treue Maurer bewährt haben“.

 

In dem vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom radikalen Klerikalismus geprägten Trier konnten aber auch massive Anfeindungen nicht ausbleiben. So nahm die ka­tholische Neue Moselzeitung 1862 ein Ereignis zum Anlass über die Trierer Freimaurer eine Flut von üblen Verdächtigungen bis hin zum Ritualmordverdacht zu gießen. Anlass waren die etwas außergewöhnlichen Umstände beim Tod eines Bruders. Am 27. Dezember 1862 wurde  der damalige Meister vom Stuhl, Br. Muhl, während er eine Aufnahme leitete, vom Schlag getroffen. Er starb 2 Tage später im Logenhaus und wurde, da er keine Angehörige hatte, auch von dort aus beerdigt. In der Tat ein guter Anlass für üble Verdächtigungen.

 

Einmal allerdings hatten die Trierer Brüder Erfolg bei der Abwehr von Angriffen. Am 1. März 1875 brachte die schon erwähnte „Neue Moselzeitung“ einen Artikel, worin gesagt worden war, die „vielgerühmte Loyalität der Freimaurer sei nicht weit her, denn der Fürsten­mord werde geradezu von ihnen gelehrt“. Hiergegen haben die Brüder Strafantrag beim hiesi­gen Landgericht gestellt. Der verantwortliche Redakteur wurde darauf hin wegen Beleidigung und Anstiftung zu Hass und Verachtung – wir würden heute sagen: wegen Volksverhetzung – zu einer Geldstrafe verurteilt.

 

Aus den Jahren zwischen den Weltkriegen ist nahezu nichts überliefert. Nur die Namen eini­ger Brüder aus dieser Zeit sind mir als geborenem Trierer noch in Erinnerung. Da war der Lehrer am Friedrich Wilhelm Gymnasium Schäfer, dessen Sohn ich als Lokalredakteur des „Trierer Volksfreund“ in Prüm antraf und der meine politische Arbeit dort journalistisch be­gleitete. Dann war da noch der Zahnarzt meiner Familie Dr. Palm, der in der Zeit der franzö­sischen Besatzung in Geiselhaft genommen und der darin verstorben war.  Auch der Fabrikant Schaab, Vater eines Klassenkameraden, war Freimaurer. Nach ihm ist eine Gasse hinter dem Hallenbad benannt. Schließlich möchte ich noch den Inhaber des Cafes in der Simeonstraße nennen, in dem mein Vater in den dreißiger Jahren Schach spielte, den Konditor Hansen. Des­sen Bruder Ernst war mein Bürge bei der Aufnahme.

 

Nach 1945 war es der Bruder Quick, der der Loge in den Räumen seiner Sektkellerei Ecke Olewiger Str./Ostallee (das Grundstück liegt inzwischen im Verkehrskreisel bei den Kaiser­thermen) erste Heimstatt bot. Dort fanden auch meine Aufnahme, Beförderung und Erhebung statt. Meister vom Stuhl war damals Martin Lüdtke, Direktor der Werkkunstschule am Pau­lusplatz.

 

Beschließen möchte ich die kurze geschichtliche Betrachtung mit einem Zitat aus einer An­sprache, die 1895 der damalige Meister vom Stuhl, Br. Dau, hier in Trier auf dem Verbands­fest rheinisch-westfälischer Logen gehalten hat und in der er auf die damaligen Logenverhält­nisse einging:

 

„Eigenartig dürfte unsere hiesige Loge gegenüber vielen Bauhütten an den Mittelpunkten des geistigen bzw. des wirtschaftlichen Lebens erscheinen. Wir Brr. hiesiger  Loge stehen zum Teil als Beamte, zum anderen Teil als Gewerbetreibende (wir würden heute sagen: als Dienstleister) mitten im praktischen Leben und in beruflicher Beanspruchung, die uns an aus­gedehnterer abstrakter geistiger Spekulation behindert, uns vielmehr mehr zur Würdigung der konkreten Verhältnisse führt. Auch entbehren wir hierselbst künstlerischer Größen, wie an­dere Bauhütten solche bei festlichen Gelegenheiten als wirksames Mittel für ideale Begeiste­rung vorzuführen vermögen. Wir bilden keine Kultusstätte für geistige Abstraktion und geis­tiges Turnier. Wir bilden keine Kultusstätte für künstlerische Erhebung und Begeisterung, wir bilden einen kleinen Kreis treuer Freunde, welche in der Freimaurerei einen unzerstörbaren Kern für seelisch befriedigende Lebensführung erkannt haben und in ihrem Geiste sich nach Maßgabe ihrer bescheidenen Befähigung mit warmem Herzen für die Brüder und für die Mitmenschen betätigen“.

 

Hans-Joachim Jung